Die Alldeutsche Vereinigung war ein deutschnationale, antiklerikale, antisemitische, österreichische Partei im Wiener Reichsrat, die 1891 von Georg von Schönerer als Alldeutsche Bewegung (1896 in Alldeutsche Vereinigung umbenannt) gegründet wurde. Mit dem Alldeutschen Verband des Deutschen Kaiserreiches gab es nur inoffizielle Verbindungen.
Die Alldeutsche Bewegung war großdeutsch, antisemitisch, antisozialistisch bzw. antibolschewistisch und antidemokratisch ausgerichtet. Mit der Übernahme der antisemitischen Komponenten begann die Trennung von den Großdeutschen, die weiterhin zur christlichen Kirche standen, während Schönerer begann, seine Bewegung vom Judeo-Christentum ab- und zu Wotan hinzuwenden.
Die österreichischen Alldeutschen lösten sich im Laufe der achtziger Jahre des 19. Jahrhundert vom deutschliberalen und deutschkatholischen Lager und bildeten unter Schönerer und Karl Hermann Wolf eine aktive irredentistische Minderheit. Obwohl die Anzahl der Alldeutschen im Reichsrat gering war, hatten sie doch starken Einfluss auf die akademische Jugend und den öffentlichen Dienst, vor allem die Justiz.[1] Die Farben der Vereinigung waren ?Schwarz-Weiß-Rot?, die Farben des Deutschen Reiches, und die Bewegung empfand sich als einer der Rechtsnachfolger der Deutschnationalen Bewegung.
Bei den Reichsratswahlen 1901 konnten die Alldeutschen die Anzahl ihrer Mandate im Reichsrat von sechs auf 21 erhöhen. Die alldeutschen Abgeordneten erstrebten die Festlegung der deutschen Sprache als Amtssprache in Cisleithanien, förderten die Los-von-Rom-Bewegung, eine Personalunion mit Ungarn und ein durch einen Staatsvertrag festzustellendes Schutz- und Trutzbündnis mit dem Deutschen Reich. Aber bald gerieten die Vorsitzen Schönerer und Wolf aus persönlichen Gründen in Konflikt. Die Gruppe um Wolf spaltete sich 1902 als Frei-Alldeutsche (später Deutschradikale Partei) mit 12 Abgeordneten ab. Schönerer gebot nie über eine Massenbewegung und erreichte letztlich auch keine großen Wahlerfolge.[2]
Der radikale, antisemitische Flügel des österreichischen Alldeutschtums, der seine Wähler vor allem in den sudetendeutschen Grenzgebieten fand, hatte zwar keinen direkten politischen Erfolg, seiner Ideologie gelang es aber, die meisten deutschen Parteien, vor allem die Christlichsozialen, zu unterwandern.
?Die Tendenz, dem Alldeutschtum durch teilweise Übernahme seiner Forderungen den Wind aus den Segeln zu nehmen - ein Unterfangen, das in vieler Hinsicht erfolgreich war - erschien auf lange Sicht dem Staatsgefüge der Monarchie viel gefährlicher als das Programm des unverhüllten nationalen Radikalismus und Imperialismus.[3]?
Propagandastoff, den die Alldeutschen zur Aufschaukelung des Chauvinismus lieferten, war beispielsweise die Forderung nach mehr Ellbogenraum im Osten und Südosten,
?um der gesamten germanischen Rasse diejenigen Lebensbedingungen zu sichern, deren sie zur vollen Entwicklung ihrer Kräfte bedarf, selbst wenn darüber solch minderwertige Völkchen wie Tschechen, Slowenen und Slowaken ihr für die Zivilisation nutzloses Dasein einbüßen sollten. Nur den großen Kulturvölkern kann das Recht auf Nationalität zugestanden werden.[4]?
Zu Beginn der 1890er Jahre entwickelten alldeutsche Theoretiker Pläne zur Aufteilung der Monarchie in kleine, direkt oder indirekt abhängige, zu germanisierende Staatsgebilde.[5] Dass den alldeutschen Bestrebungen in der Habsburgermonarchie letztlich kein Erfolg beschieden war, lag nicht zuletzt am Interesse des verbündeten Deutschland, den Staat unter deutschösterreichisch-magyarischer Führung im deutschen Kielwasser zu halten, nicht aber zur weiteren nationalen Zersetzung und letzten Endes zur Auflösung der Monarchie beizutragen, die schließlich nur russischen Interessen dienen konnte. Die Erhaltung der Donaumonarchie lag also eindeutig im machtpolitischen Interesse des Deutschen Reiches.[6]
Obwohl die Vereinigung im Juli 1904 offiziell aufgelöst worden war, saßen 1905 noch acht alldeutsche Abgeordnete, allesamt Sudetendeutsche, im Reichstag.[7] Bei den ersten allgemeinen und gleichen Wahlen für Männer 1907 hatten die alldeutschen und radikal-deutschnationalen Parteien in Wien nur 2,8 % der Stimmen erzielen können.[8] 1914 hatten die Alldeutschen auch nur 4 Abgeordnetensitze im Wiener Reichsrat, es gab jedoch mehrere weit größere, jedoch gemäßigtere deutschnationale Parteien.[9] Die deutschnationalen Parteien hatten sich 1910 im Deutschen Nationalverband zusammengeschlossen, der 1917 wieder zerfiel.
Für die österreichischen Alldeutschen stellten im Ersten Weltkrieg innere Reformen zur Sicherung und Stärkung der Vorherrschaft der Deutschen ihr wichtigstes Kriegsziel dar.[10] Aus dem Kader der Alldeutschen Vereinigung stammten viele der österreichischen Nationalsozialisten.